Vertrauen heißt: nicht kontrollieren zu müssen; frei von Angst zu sein.

Es heißt, zu wissen, dass ich in jeder Situation den naheliegendsten Schritt tun werde. Ich kann diesen Schritt auch einen stimmigen Schritt nennen. Er kann in einer Tat oder in keiner Tat liegen. Etwas nicht zu tun, z. Bsp. kontrollieren, sichern wollen, kann also ebenso Vertrauen ausdrücken, wie etwas zu tun, z. Bsp. sich mit Ängsten zu zeigen.

Vertrauen heißt: ich rechne damit, dass ich in jeder Situation nicht stärker belastet werde, als ich es aushalten kann. Vertrauen heißt: keine Angst vor seiner Angst zu haben.

Wir haben maximal genau so viel Vertrauen in andere Menschen (und damit in uns selbst), wie in die Person, der wir das bis dahin größte Vertrauen entgegengebracht haben. In der Regel ist also das maximale Vertrauen nur so groß, wie es für die Mutter oder den Vater (oder entsprechender Ersatzpersonen) aufgebracht wurde. Bei im Kindesalter stark vernachlässigten Menschen wird es also eher niedrig anzusetzen sein.

Menschen neigen dazu, relativ schnell bis zu diesem Punkt anderen Menschen Vertrauen entgegen zu bringen. Doch darüber hinaus gehen sie in der Regel nicht.

Ferner suchen sie sich häufig Menschen, bei denen ein größerer Vertrauenszuwachs nicht (leicht) möglich ist. Das kommt von der Neigung in uns, Resonanz zu suchen. Wir suchen Menschen auf, die uns ähneln oder spiegeln. Doch das ist nur ein Aspekt in uns, denn sonst wäre Vertrauenszuwachs nicht möglich.

Das heißt, es gibt noch etwas mehr in uns, als nur Misstrauen. Es gibt die Sehnsucht und vielleicht auch ein tiefes Wissen davon, dass wirkliches Vertrauen, dass Hingabe möglich ist. Hingabe in die Situation, in die Gegenwart, ist das größte Vertrauen, was wir haben können.

Hingabe bedeutet: ich erhebe keinen Widerstand gegen das, was jetzt ist. Ich habe keine Angst vor meinen Gefühlen. Ich nehme also die Situation so an, wie sie ist; spüre in mich hinein, fühle, ob sie für mich so stimmig ist, fühle, wie sie ist und folge meinem Impuls. Der wiederum kann mir bedeuten:

– ich bleibe in der Situation und nehme sie weiterhin als stimmig an

– ich rege Veränderung an oder verändere die Situation, weil ich Störungen oder Unstimmigkeiten wahrnehme,

– ich gehe aus der Situation heraus, weil sie für mich unstimmig ist und ich sie nicht ändern kann.

Diese drei Möglichkeiten hat man immer! Und sie sind die einzigen Möglichkeiten, die in jeder Situation sinnvoll sind. Es gilt also immer zu überprüfen: Wie fühle ich mich in der jetzigen Situation.

Kann ich sie annehmen, so wie sie ist; kann oder möchte ich sie verändern, so dass sie stimmig für mich wird? Oder kann ich sie nicht annehmen und auch nicht verändern, – dann werde ich gehen.

Mir zu vertrauen, meine Wahrnehmung ernst zu nehmen, ist an dieser Stelle notwendig, also die Not wendend. Wenn ich in Not bin, habe ich nur meine eigene Wahrnehmung zur Verfügung, um zu reagieren. Und tatsächlich ist auch alles an Potential in mir, um das Leben zu meistern.

Was ich, und hier spreche ich für etwa 90 % aller Menschen unseres Kulturkreises, bisher nicht wirklich ernst nehme oder noch gar nicht wahrnehme, weil ich nicht darauf achte, ist meine innere Weisheit, meine Intuition, die klaren, mitunter schwachen Empfindungen, die ganz früher einmal stark waren, weil sie noch nicht hinter dem ständig um sich selbst kreisenden Denken und den unreflektierten Meinungen der Menschen, die mich beeinflussten, verdeckt waren.

Vertrauen gewinne ich in mich, wenn ich wieder anfange, meine Wahrnehmungen zu erforschen und sie ernst zu nehmen und zu hinterfragen. Häufig ist es so, dass wir dazu Menschen brauchen, die dieses schon wieder können oder gar nicht erst verloren haben.

Menschen, die ihrer inneren Stimmigkeit folgen und daraus handeln, sind die Wegbegleiter ins eigene Vertrauen.

Wir können im Kontakt mit solchen Menschen feststellen, dass wir häufig zwar nicht verstehen, was diese sagen, das heißt, wir können es nicht logisch nachverfolgen, doch es fühlt sich gut an, deshalb muss es wohl stimmig sein.

Wahrnehmungsarbeit kann man zum Teil auch allein machen. Die fernöstlichen Meditationsbräuche zielen genau darauf ab. Sie zeigen dem Denken die eigenen Grenzen auf und führen zu größerer Gewahrsamkeit. Das Gewahren der eigenen Denk- und Handlungsmuster führt zuerst zum Infragestellen derer und dann dazu, sich selbst zu erkennen, neben dem Denker. Wir sind nicht nur denkender Verstand, sondern viel, viel mehr als der. Wenn wir anfangen, den Verstand zu beobachten und unsere Gedanken nur als Ideen und Vorschläge zu betrachten und nicht als Wahrheit über diesen Augenblick, erlangen wir Zugang zu einem höheren Bewusstsein.

Es führt zur Selbstannahme und Selbstliebe und damit gleichzeitig zu einem freundschaftlichem Umgang mit sich selbst. Das schafft Vertrauen, wechselseitig in die Welt und in mich selbst. Doch dieser Prozess dauert oft sehr lange, vor allem, wenn man kein Gegenüber hat, mit dem man sich reiben und auseinander setzen kann.

Doch wieso vertrauen wir uns selbst nicht schon jetzt?

Wir sind als Säuglinge, als ganz kleine Menschen geboren worden. In dem Moment gab es in uns noch nicht das Gefühl, wir könnten nicht in Ordnung sein, so wie wir sind (ich behaupte dieses der Einfachheit halber, obwohl die Außenabwertung auch schon vorher eingesetzt haben kann).

Wenn wir uns als erwachsene Menschen ein gerade geborenes Baby anschauen, dann sehen wir ein vollkommenes Wesen. Alles Potential ist in ihm vorhanden. Es fehlt ihm nichts.

Was passiert dann?

Das Baby hört früher oder später, dass es dieses oder jenes nicht machen darf und wenn es das macht, sei es schlecht. Bisher hat es gewusst: Ich bin so wie ich bin unbedingt (ohne Bedingungen) richtig und in Liebe angenommen.

Es folgt seinen Instinkten, seinen Möglichkeiten, erwartet von der Umgebung, von den Bezugspersonen, dass sie den natürlichen Gesetzen folgen und ihm alle Nähe, Berührung und Sicherheit zukommen lassen, die es braucht. Der uralten instinktiven Weisheit der Natur der „höheren“ Säugetiere vertrauend, kam es zur Welt.

Doch was ist jetzt? Die Gesetze der Natur werden nicht befolgt. Es hört Stimmen, die sagen: „Das Kind will dich tyrannisieren. Es will Macht ausüben, es hat einen Dickkopf.“

„Lass es schreien, es beruhigt sich auch wieder.“

„Es will seine Lungen stärken.“

Oder:

„Du bist mein Sonnenschein.“

„Du bist dazu da, mich glücklich zu machen.“

„Du musst lieb sein, dann wirst du von mir angenommen.“

„Endlich habe ich jemanden, der mich liebt, auch wenn ich mich selbst nicht so liebe, wie ich bin.“

Das ist der Anfang!

Davon, nicht mehr ich selbst zu sein! Davon, fortan anders zu handeln, als meine innere Wahrnehmung es mir sagt. Ich spüre Unstimmigkeit in dem Verhalten und Aussagen meiner Bezugspersonen, doch gleichzeitig bin ich von ihnen abhängig!

„Außerdem sind sie doch erwachsen und die wissen es wohl besser als ich.“

„Komisch ist es trotzdem, es fühlt sich doch in mir ganz anders an.“

Dann werde ich bestraft und glaube, dass ich anders sein muss, damit ich wieder „geliebt“ werde.

Von Liebe kann hier allerdings keine Rede mehr sein.

Abhängigkeit erzeugt keine Liebe, sondern nur wieder neue Abhängigkeit.

Abhängigkeit ermöglicht jedoch Kontrolle.

Sobald ich meine Macht über jemanden ausübe, der in meiner Abhängigkeit steht, ohne dabei in respektvoller Liebe zu sein, erschaffe ich Misstrauen und Angst. Angst und Misstrauen sind die Urheber von Kontrolle.

Es gibt viele Arten von subtiler Kontrolle. Es gilt sie jeweils zu erkennen. Häufig sind sie verbunden mit Doppelbotschaften.

Beispiel: Ich zeige dem Menschen unterschwellig körperlich, dass ich ihn so wie er ist nicht annehme und sage aber, dass ich ihn mag oder liebe.

Jeder halbwegs gesunde Mensch ist in der Lage, dieses bei genauer Betrachtung innerlich wahrzunehmen. Wenn der innere Konflikt dabei zu groß wird, gibt man die eigene Wahrnehmung auf. Sonst würde man verrückt. Und tatsächlich können Doppelbotschaften bei Kindern und Erwachsenen zu verschiedenen Verrückungen führen.

Wie finde ich Vertrauen?

Ich beobachte mich immer genauer! Folge ich meinen wirklichen inneren Wahrnehmungen und Impulsen oder folge ich den familiären oder gesellschaftlichen Konventionen, die fast immer auf Kontrolle ausgelegt sind?

Kontrolle ist das Gegenteil von Vertrauen!

Vertrauen heißt: nicht kontrollieren zu müssen!

Vertrauen heißt: mich auf alles was kommt einzulassen, wohl wissend, dass ich jederzeit den naheliegensten Schritt zu meinem Wohl tun werde!

Peter Hellwig, Sept. 2006

 

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Kommentare

  1. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…