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Es handelt sich um eine Auseinandersetzung zwischen Menschen, die sich manchmal sehr nahe gekommen sind. Diese Nähe erlaubt häufig den Blick nicht mehr auf die ganze Person als solche. Es entsteht eine Sichtweise, die nur noch die scheinbar negativen Aspekte des Partners oder der Partnerin in den Vordergrund hebt. Dabei spielen Verletzungen, die subtil oder offen vorkommen, eine große Rolle.

Tatsächlich ist es meist so, dass ein Partner sich im Laufe der Zeit ein Bild vom anderen gemacht hat und nun erwartet, dass der andere Partner diesem festgelegten Bild ständig entspricht.

Da der eine Partner jedoch nur dieses Bild vom anderen sehen will und meist auch sieht, entgeht ihm die Vielfalt und individuelle Schönheit des Partners. Der Einfachheit halber spreche ich im Moment nur vom Partner. Natürlich meine ich die weibliche wie männliche Form.

Je näher Menschen zusammen leben, desto weniger sind sie in der Lage, den anderen oder die anderen wirklich als von sich getrennt wahrzunehmen, obwohl sie das Gegenteil glauben. Es entsteht ein starkes „Wir-Gefühl“. Dieses kann dazu führen, dass wenn ein Mensch von sich spricht, glaubt, automatisch für den anderen zu sprechen. Wenn dieser sich aber nicht (mehr) mit einbeziehen lassen will, weil er beispielsweise eine andere Ansicht vertritt, wird das eine Zeit lang stillschweigend geduldet oder halb übersehen. Doch nach und nach lässt es sich nicht mehr übersehen und es entsteht eine Diskrepanz zwischen dem Bild vom anderen und seinem tatsächlichen Auftreten. A glaubt B habe sich verändert und umgekehrt. Doch verändern sich A und B gleichermaßen und lassen sich nicht auf bestimmte starre Bilder festlegen.

In der Paartherapie entsteht für viele Menschen das erste Mal die Möglichkeit, den Partner neu zu sehen oder wirklich zu sehen – in diesem Augenblick. Dadurch steigt man aus der Symbiose, die vorher von beiden unbewusst gewünscht und aufrechterhalten wurde, aus. Es entsteht erneut Angst. Denn wenn der Partner nicht mehr in der Symbiose verschmolzen ist, hat der eine nicht mehr die Macht über den anderen, die vorher durch Abhängigmachung angestrebt wurde. Es entsteht Freiheit von den festgelegten Bildern und Angst vor der Unsicherheit des „Nichtwissens“ davor, was der andere jetzt mit seiner Freiheit tun wird. „Wird er noch bei mir bleiben?“ „Bin ich noch interessant für sie?“

Die therapeutische Situation erlaubt einerseits Mitgefühl für den anderen zu entwickeln oder Angst, weil die Kontrolle verloren geht. Ganz wichtig ist jedoch, dass eine neue Attraktivität für den Partner gewonnen werden kann, wenn man der eigenen Angst auf den Grund geht und erkennt, dass sie tatsächlich nichts mit dem jetzigen Partner zu tun hat, sondern eine Reaktivierung alter Erfahrungen im eigenen emotionalen Denksystem ist. Jetzt kann Liebe entstehen, wirklich aus Freiheit, die diesem Augenblick entspringt. Festhalten wollen und absichern durch Schaffen von Abhängigkeiten führt immer nur zu Machtspielen, nie zu wirklicher Liebe.

Jeder Partner sieht zuerst das Problem beim anderen. Tatsächlich hat jeder sein eigenes Problem. Und das gilt es sehr genau anzuschauen. Manches Mal fällt es der Frau leichter, ihr eigenes emotionales Denksystem aufzudecken und sich damit zu zeigen. Das kann dazu führen, dass der Mann glaubt, es sei alles nur das Problem der Frau. Das ist jedoch nicht so. Die Verschleierungsstrukturen des Mannes, natürlich größtenteils unbewusst, sind weniger schmerzhaft, als die der Frau. Deshalb glauben viele Männer immer noch, dass die Beziehung völlig in Ordnung sei, wenn die Frauen schon sehr im Schmerz leiden.

Ich sage jedoch nicht, dass es nicht auch umgekehrt sein kann. Die Bereitschaft, sich so deutlich zu zeigen, wie es einem gerade möglich ist, ist die größte Investition in eine neue, lebendige und liebevolle Beziehung.

Peter Hellwig, Febr. 06

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Kommentar

  1. Christine sagt:

    Schuld und Scham gehören zu den niedrig schwingenden Frequenzen im menschlichen System, ähnlich wie Kummer, Ärger, Wut, Angst ua… Ich bin überzeugt davon, dass wir alle „Schatten“ und jede „Dunkelheit“ heilen können, wenn wir hinschauen und durchfühlen, was ist. Und somit passiert nicht nur in unserer eigenen Geschichte Heilung, sondern auch in der unserer Ahn*innen und Vorfahr*innen und die Gleichwertig- und würdigkeit von Frau und Mann darf sein.

  2. Vielen Dank Peter für diese Ausführungen.
    Sehr interessante Gedanken und Hypothesen und nur der kollektive Heilungs-Gedanke gibt der Pandemie einen Sinn. Du hast das wunderbar formuliert und das resoniert bei mir.

  3. Vielen Dank für den Beitrag über Paartherapie. Meine Schwester hat Beziehungsprobleme mit ihrem langjährigen Freund und überlegt, einen Paartherapeuten zurate zu ziehen. Ich werde ihr diesen Beitrag weiterleiten, damit sie eine Entscheidung fällen kann. Interessant, dass die therapeutische Situation erlaubt, einerseits Mitgefühl für den anderen zu entwickeln oder Angst, weil die Kontrolle verloren geht.

  4. Antje Brigitte Neumann sagt:

    Lieber Peter Hellwig, ich Danke Ihnen für die ausführliche Ausführung unserer ver rückten Zeit. Ich beobachte oft wie gutgläubig intelligente Menschen sind und sich, aus meiner Sicht, täuschen lassen. Alles wird für wahr hingenommen und wenn ich frage, wen sie kennen, der C hätte, kennen sie persönlich keinen oder sie reagieren über, weil alles ganz schlimm war. Wenn ich konkret Nachfrage, was anders war als an einer Grippe, wissen sie es nicht oder es stellt sich heraus dass der Erkrankte ein Risikopatient ist. Einmal ist es mir passiert, als von einem jungen Menschen berichtet wurde, der kurz davor stand ins KH eingewiesen zu werden, dass ich mich bei der Ausführung des Krankheitsbildes schuldig gefühlt habe, weil ich nicht alles glaube was in den Medien berichtet wird. Ich weiß es ja auch nicht genau. Aber, ich habe ein Gefühl, eine Intuition, der ich vertraue.
    Leider kann ich das Video nicht sehen, weil es Privatvideo heißt. Weiß nicht wie das funktioniert.
    Mit den allerbesten Grüßen und bleiben Sie gesund. Antje Brigitte Neumann

  5. Hanna Adams sagt:

    Danke für den Beitrag zu Trauerbegleitung. Die Tante einer Bekannten hat große Schwierigkeiten, nach dem Tod ihres Mannes wieder Fuß zu fassen. Ich denke, Trauerbegleitung und nachträgliche Verabschiedung würde ihr gut tun.

  6. Rüdiger Otto sagt:

    Wenn vermutlich kollektives Trauma heute in vielen von uns noch gebunden ist – gibt es dann nicht auch umgekehrt die gleichsam begründete Hoffnung, das auch hohe Intelligenz und Soziale Kompetenz alter, untergegangener Völker noch in uns abrufbar schlummern? Ein schöner Gedanke

  7. Klaus sagt:

    Bin erst mal begeistert von der Erklärung.
    Wie ist das Verhalten der Frau zu verstehen. Warum erzählt sie ihre neue Verliebtheit so brühwarm ihrem Ehemann ohne die Konsequenz zu erahnen. Ihr müsste doch klar sein das,dass verletzend ist. Eine Trennung durch den Ehemann ist ihr dann wohl auch schon egal oder will sie nur ihren Spaß auf Kosten und mit Erlaubnis des Mannes. Das ein Mann durch so ein plötzlich auftretendes Eheproblem Bauchschmerzen und mehr bekommt ist doch verständlich. Ob das auf die Kindheit zurückzuführen ist……
    Wie sollte ein Mann in der oben beschriebenen Lage reagieren, um sich selbst zu schützen.
    LG Klaus

  8. Jette sagt:

    Wow ich bin begeistert von den vielen Erkenntnissen..mich hat das Thema sehr neugierig gemacht. Ich könnte den ganzen Tag weiterlesen..gibt es ein Buch zu diesem Thema?
    LG Jette

  9. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…