Kollektives Trauma

Wir verstehen uns als ein Projekt, indem es darum geht, den einen Klienten, den wir haben, vielleicht besser gesagt, die eine Klientin, nämlich die Erde, in Richtung Heilung zu begleiten. Es mutet sicherlich ein bisschen überheblich an, wenn wir die Erde zur Klientin machen und anstreben sie zu heilen. Doch wenn wir sehen, dass alles auf´s Engste miteinander verbunden ist und wir Teile dieser Erde sind, könnte man vielleicht sogar sagen: „wir sind die Erde.“

Schauen wir doch einmal auf die Darmbakterien in unserem Körper, … sind sie Einzelwesen oder sind sie nicht eigentlich Teil unseres Körpers? Symbionten, die ohne uns nicht leben könnten und wir nicht ohne sie.

Trauma – kollektives Trauma

In der individuellen Persönlichkeitsentwicklung und in der Therapie kann man sehen, dass die meisten Menschen in irgendeiner Weise, mehr oder weniger tief verletzt wurden, teilweise traumatisiert sind. Viele Verletzungen stammen dabei sogar aus den voraus gegangenen Generationen, wie man heute in der Epigenetik und natürlich auch mittels Familienaufstellungen sehr gut erkennen kann. – Was bedeutet Trauma für Einzelne? Trauma führt immer zur Separation, zur Trennung. Was bedeutet das?

Einfach ausgedrückt bedeutet Trauma eine Überschwemmung von Gefühlsenergien, zumeist Angst oder Scham. Um irgendwie weiter zu leben und zu wachsen, trennen wir uns von diesen Gefühlen ab. Wir fühlen sie nicht mehr, vergessen sogar oft das Ereignis oder zumindest die Gefühlsintensität bezogen zum Ereignis. Dann sagen wir z. B.: „Ja, da ist mir das und das zwar passiert. Aber das war ja nicht so schlimm!“

Das ist eine höchst effektive und intelligente Reaktion von allen höheren Lebewesen. Auch andere Säugetiere können traumatisiert werden. Es ist eine Funktion der Evolution. Doch gleichzeitig bedeutet das, dass wir emotional in diesem Alter hängen bleiben. Wir können, sobald dieses Thema irgendwie in uns angetriggert ist, nicht mehr erwachsen reagieren. Wir werden dann in gleicher, meist kindlicher Reaktion, verharren, wie zu der Zeit des ursprünglichen Ereignisses. Das kann man in anderen Texten von mir ausführlicher lesen.

Wir gehen jetzt davon aus, dass es ähnliche subtile Strukturen auch in unserem kollektiven Bewusstsein gibt. Es gibt sozusagen eine kollektive Traumastruktur, die uns so gut wie gar nicht bewusst ist. Wie beim persönlichen Trauma werden die dazu gehörigen Gefühle ausgeblendet oder sogar stark verleugnet. Man kann allerdings, ebenfalls wie beim persönlichen Trauma, die Auswirkungen sehr gut erkennen.

Beim getriggertem persönlichen Trauma sieht man oft scheinbar erwachsene Menschen plötzlich völlig unangemessen handeln oder argumentieren. Da kommt daher, dass auf einmal ein Stück des immer noch vorhandenen kindlichen Bewusstseins aktiv geworden ist und redet oder handelt. – Das gleiche können wir heute auch auf kollektiver Ebene sehr gut erkennen, wenn wir uns die Nachrichten anschauen und von rechten Gruppierungen allen Ernstes hören, dass wir zurzeit von Überfremdung bedroht sind. Da hören wir, dass insbesondere im Osten des Landes, wo es nachweislich viel weniger Ausländer gibt, behauptet wird, wir würden unsere Kultur verlieren, wenn wir vor Gewalt flüchtende Menschen aufnehmen.

Kollektive Traumata können wir sehr leicht unterstellen, wenn wir uns der Kriegsverbrechen unserer Kultur annehmen. Die Vernichtung von mehr als 4 Millionen Juden, aber auch andere Verbrechen der NS Zeit, sind unserer Vermutung nach immer noch subtil in unserem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. – Und das hat Folgen, vermutlich bis in den Konflikt zwischen Israelis und Palestinänsern hinein.

Wenn wir unterstellen, dass wir als Kollektiv eine ähnliche Heilung bräuchten, wie wir sie aus individuellen Traumaheilungen kennen, dann ist es notwendig, sehr langsam und mit viel Mitgefühl die abgespaltenen Gefühle wieder ins Nervensystem aufzunehmen. Das heißt, es geht darum zuerst einmal eine Empfindung zu sensibilisieren, die es uns ermöglicht zu spüren oder zu erkennen, dass wir nicht fühlen. Es geht nicht darum, irgendetwas zu puschen oder zu verändern. – Das stimmt so vielleicht nicht ganz. Aber die einzige Veränderung, die wir erreichen müssen, ist individuell wie kollektiv, dass wir merken, dass wir bestimmte Dinge nicht wahrnehmen oder fühlen.

Man kann das z. B. am Mitgefühl ausmachen. Zuerst einmal sich selbst gegenüber. Wie hoch ist mein Mitgefühl mir selbst gegenüber? Wie liebevoll gehe ich mit mir um? Kann ich mich von dem Leid, was ich einmal erlebt habe, berühren lassen? Kann ich bei anderen mitfühlen, ohne mich selbst in deren Gefühlen zu verlieren oder ohne mich so hart abzugrenzen, dass ich gar nichts an mich ranlassen kann? – Das können bereits Symptome sein, die auf Trauma oder sagen wir lieber, auf tiefe Verletzungen hindeuten. Die gleichen Symptome können wir auch auf Kollektive anwenden.

Wie kann eine Heilung aussehen?

Wir brauchen eine relevante Anhebung unseren kollektiven Bewusstseins. Denn genau das ist unseres Erachtens zurzeit notwendig. Und es gibt sehr viel Grund zur Hoffnung. Unglaublich viele Gemeinschaften sind sich dieser Probleme schon längst bewusst und arbeiten mit Hochdruck an Lösungen.

Doch worin liegen die positiven Veränderungen?

„Probleme werden nicht durch das gleiche Denken gelöst, durch das sie entstanden sind“, sagte schon vor einigen Jahrzehnten einer unserer größten und am meisten anerkannten Denker, der Physiker Albert Einstein. Wir brauchen eine Erweiterung unserer Perspektiven.

Doch wie gedenken wir diese Entwicklung einzuleiten? Was ist nötig in einer Welt, die aus Angst und Gier total eng geworden ist?

Oneclient.love drückt dieses schon perfekt aus.

Mal ganz davon abgesehen, ob diese Beschreibung in jedem Detail richtig ist, ob wir wirklich verstehen, was wir hier sagen. – Was wir aber schon jetzt sehr klar sehen können ist folgendes:

Wir brauchen eine Veränderung in unserer Welt; wir brauchen Liebe, Verständnis, Einfühlungsvermögen, Mitgefühl, Freude, den Mut die Dinge anzugehen, die Veränderung anzugehen. Wir brauchen es, die Veränderung zu sein. Denn sonst sind wir verloren. So wie sich die Welt im Moment weiter entwickelt oder vielleicht sogar besser gesagt, zurückentwickelt, – so haben wir keine Zukunft.

Tatsächlich versuchen viele, vorsichtig ausgedrückt, konservative Strömungen auf der ganzen Welt, die Zeit zurück zu drehen. Die Globalisierung soll wieder durch den Nationalismus ersetzt werden. Vernetzungen und Vergemeinschaftungen sollen zurück geführt werden in nationale Strukturen. Manche glauben, man könnte mit einer rein egozentrischen Sicht im Gesamtsystem besser fahren.

Ängste und der Umgang damit

Ängste und alte Verletzungen, sehr wahrscheinlich Traumata, kollektive Traumata melden sich und beanspruchen ihr Recht auf Heilung. Man meint, man könne die Zeit zurück drehen, sich den früheren Werten anvertrauen, die vormals einmal sinnvoll waren. Abgesehen davon, dass es natürlich eine wichtige Ethik gibt, die durchaus auch aus früheren Zeiten stammen kann, sind wir heute in der Lage, jeden Zentimeter der Erde bei Google Earth zu sehen. Wir sind vernetzt. Wir sind global. Wir bekommen heute schon Informationen darüber, was im Kongo für Gräuel geschehen. 770000 Kinder verhungern dort gerade.

Wie gehen wir mit den Informationen um, die wir ständig über das Internet, TV, Radio erfahren? Wie können wir damit umgehen? Ist es für unser Nervensystem überhaupt aushaltbar, diese ganzen Informationen zu verarbeiten? Ist aushalten schon gleich verarbeiten? Wir haben viele Fragen. Fragen, die uns im Hintergrund oder schon vordergründig betreffen. Fragen, die Antworten suchen.

Wie kann die Entwicklung der Welt, unserer Welt weitergehen, wie können wir überleben auf diesem immer noch so wunderschönen Planeten? Was, wenn wir so weiter machen, wie in den letzten 70 Jahren? Wir können, bzw. dürfen nicht so weitermachen wie im letzten Jahrhundert. Das überleben wir auf vielfacher Ebene nicht. Es gibt namhafte, seriöse Wissenschaftler, die behaupten, dass in ca. 100 Jahren die Erde 5 – 7 mal untergehen wird. Vielleicht nicht die Erde, jedoch die Bevölkerung darauf.

Vielleicht kennen Sie den Witz:

Treffen sich zwei Planeten im Weltraum. Sagt der eine: Wie geht´s? Sagt der andere: „Schlecht!“

Fragt der erste: „Wieso?“

Sagt der zweite: Ich habe Menschen!“

Sagt der erste wieder: „Ach, … das hatte ich auch schon mal, … das geht vorüber!“

Bewusstseinssprung des Kollektivs

Wenn wir mit der Klimaerwärmung so weitermachen, werden wir die Erde, so wie wir sie jetzt kennen, vernichten. Die Kriegsgefahr wird uns ein zweites Mal vernichten. Die Trinkwassernot wird ihres dazu tun, die Plastikschwemme auch.

Die Abholzung der Wälder führt dazu, dass unser Sauerstoff knapp wird, ganz zu schweigen von den gleichzeitigen klimatischen Veränderungen, die dadurch ausgelöst werden.

Wenn die Temperatur weiter ansteigt, wird der sibirische Permafrost auftauen und die darin gebundenen Methangase freigesetzt. Das gilt auch für die Erhöhung der Temperaturen im Meer. Die Überbevölkerung führt zum nächsten Kollaps, usw..

Sich Zeit nehmen, um hinzuspüren!

Bitte nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, vielleicht so etwa 5 Minuten. Ich möchte Sie gerne einladen, zu fühlen, was es in Ihnen auslöst, die oben beschriebenen Dinge zu lesen; nein, nicht nur zu lesen, sondern sie in sich aufzunehmen. Geht das? Oder was passiert in Ihnen? Vielleicht Ärger darüber, dass ich so etwas schreibe (ohne Quellenangaben)? Entsteht Müdigkeit oder Panik? Oder einfach Abwehr, vielleicht gegen mich persönlich oder gegen die Regierungen, die so etwas zu lassen?

Alles das sind sehr angemessene Reaktionen und es gibt noch viel mehr. Doch was sagt uns das? Zuerst einmal vielleicht, dass wir im Moment tatsächlich keine angemessenen Antworten auf diese brennenden Fragen unserer Welt haben? Vielleicht wenden wir uns auch einfach ab und sagen, dass wir kleinen Menschen sowieso nichts dagegen tun können. – Aber stimmt das eigentlich? Wer soll diese Probleme anpacken, wenn nicht wir? Doch die eigentliche Frage ist, so glaube ich, WAS KANN MAN DENN WIRKLICH TUN?

Wenn wir uns einmal die Menschen z. B. im Kongo anschauen, dann spüren wir die Not. Die Kinder verhungern. Das Überleben ist massiv, auch durch den Bürgerkrieg, bedroht. So lange wir auf diese Gruppe von Menschen schauen, sie aus der Ferne anschauen, sie nicht fühlen, sie nur beim Abendessen in den Nachrichten angucken, von außen, und dann wieder der nächste Nachrichtenteil angeboten wird, haben wir nicht begriffen was dort los ist. Wir halten uns fern von dem wirklichen Fühlen des Elends, dem Gestank des Todes, der Not der einzelnen, jedes Einzelnen, des Grauens.

Wie könnten wir es auch wirklich in uns herein lassen? Es ist ja auch nicht auszuhalten!?

Doch, es ganz sicher und ganz klar eine Tatsache: Das ist etwas, was jetzt geschieht, etwa 9300 km südlich von uns. Und nicht nur da. An vielen Orten auf der Welt geschieht Unrecht, Vertreibung, Krieg, Not, Vergewaltigung und vieles mehr, Dinge und Ereignisse, die wir uns gar nicht vorzustellen wagen, weil sie so furchtbar und unaushaltbar wären.

Was ist Mangel und wie gehen wir damit um?

Interessanterweise können wir bei diesen Menschen den Mangel unmittelbar sehen und spüren. Doch nicht nur die vom Hunger und sonstigen Katastrophen bedrohten Menschen leben im Mangel.

Wie geht es Ihnen? Wie geht es uns? Wie geht es mir? Bin ich frei von Mangel? Habe ich genug zu essen? Habe ich ein Dach über dem Kopf? Wie ist es mit frischem Trinkwasser, mit medizinischer Versorgung? Wow …,, ich bin wirklich gut versorgt! – Und was ist mit Mangel? Wie bin ich im Mangel? Wie sind Sie im Mangel? Nicht…? – Super!

Unser Überleben ist gesichert, zumindest wenn man oberflächlich auf uns und unsere Umgebung schaut. Doch was ist mit dem subjektiven inneren Gefühl von Versorgtsein, von Wohlstand, von Liebe, von Zugehörigkeit, von Freude? Die allermeisten Menschen in unserer Region würden sicherlich sagen: „Tja, jetzt geht es mir gut! Aber wie es weiter geht weiß niemand! Ich habe bereits Angst vor dem Mangel in der Zukunft!“

Was wir also sehr oft sehen können, ist, dass wir im Hier und Jetzt in Sicherheit sind, genügend von dem haben, was wir zum Leben brauchen. Die Angst richtet sich sehr oft in die Zukunft. Denn wir wissen ja nicht, was gleich, morgen, in 10 Jahren sein wird. – Das stimmt! Das können wir nicht wissen. Doch wie gehen wir damit um?

Wir glauben, wie brauchen mehr! Wir werden gierig! Wir wollen die Zukunft sichern, gerne auch auf Kosten der Umgebung. Wir schließen Versicherungen ab. Vermutlich haben die Menschen, deren Zukunft am besten gesichert ist, die meisten Versicherungen. Ist das nicht interessant? Fühlen wir uns damit tatsächlich sicherer, besser versorgt? Löst sich damit der Mangel auf?

Was sagen wir damit über uns selbst aus? Was ist Mangel überhaupt? Hat der etwas mit der Realität zu tun? Im oben beschriebenen Kongo ganz offensichtlich, doch wie ist es bei uns?

Wie wäre es, wenn wir den Mangel einmal so betrachten?

Bewusstheit ins Fühlen oder ins Nichtfühlen zu bringen ist ein sehr wichtiger Schritt in Richtung Lösung!

Was wir hier erleben können ist unseres Erachtens die eigentliche Krankheit unseres Planeten. Wie nehmen uns keine Zeit mehr zu fühlen. Wie fühlen uns selbst nicht in dem Maße, welches es bräuchte, um in einen inneren ausgeglichenen Zustand zu kommen, der dann zu einer sehr viel freieren Kreativität führen würde.

Wenn wir ausgeglichen sind, das heißt unseren Körper, unsere Emotionen und Gefühle und unsere geistigen Aktivitäten in eine gemeinsame Stimmigkeit hinein führen würden, hätten wir gleichzeitig eine gesteigerte Fähigkeit zu sehen, was wir in der Welt am dringendsten brauchen. Außerdem wären wir nicht mehr im Mangel, wie wir bereits oben erkannt haben.

Jedes erstarrte, nicht gefühlte, Gefühl führt zu Trennung. Wir trennen uns von uns selbst, von unseren Mitmenschen, erleben Mangel an Nähe und Mitgefühl für uns selbst und sind gleichzeitig nicht in der Lage, anderen Wesen erwachsenes Mitgefühl entgegen zu bringen.

Mitgefühl ist nicht gleich Mitleid. Es geht nicht darum mit anderen mit zu leiden. Sondern es geht darum, erwachsen mit zu fühlen, sich ernst zu nehmen, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Es geht darum, dem anderen die Dinge, die er selbst erledigen kann auch wirklich zu überlassen. Es geht darum, berührbar zu sein, ohne gleich zusammen zu brechen.

Was wir hier beschreiben ist kein Pappenstiel. Darin liegt ein hoher Anspruch. Doch gleichzeitig hilft ein niedrigerer Anspruch uns in dieser Welt nicht weiter. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel und der geht damit einher, sich selbst und die Welt zu fühlen.

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass das, was wir als Individuum erleben in gleichen oder ähnlichem Maße ebenso im Kollektiv wirkt, wofür inzwischen eine Menge Anzeichen sprechen, dann brauchen wir als Menschheit auch die Fähigkeit die alten Verletzungen wieder den Gefühlen zuzuführen.

Trauma wirkt individuell und ebenfalls auch kollektiv. Es gibt inzwischen eine gut gestützte Hypothese, dass vieles, was wir bisher als individuelles Trauma sehen, einen kollektiven Ursprung hat oder zumindest sehr stark damit verbunden ist.

Die gute Nachricht ist, dass wir schon eine Menge über individuelles Trauma wissen, auch wie man die Prozesse der Heilung einleitet. Können wir diese Erfahrungen auf das Kollektiv übertragen, so haben wir auch schon hier Möglichkeiten um weiter zu forschen.

Unsere Internetseite oneclient.love setzt genau da an. Wir wollen uns gegenseitig darin bestärken, unsere Nervensysteme zu trainieren.

Mit eigenen oder kollektiven Traumata haben sich, wie oben weiter schon beschrieben, unsere Nervensysteme zusammen gezogen, eng gemacht. Wie wir bei uns selbst beobachten können, spannen wir uns bei Angst und Bedrohung an. Wir lassen die Energie, die eigentlich gerade durch uns fließen will, nicht wirklich fließen, wir halten sie fest. Das hat zur Folge, dass wir einen Teil unserer Energie dafür bereit stellen müssen, diese Angst- oder Wutenergie zu unterdrücken.

Gefühle sind Energie

In der Selbsterfahrung und in den psychotherapeutischen Praxen machen wir die Erfahrung, dass wenn der Klient in einem therapeutischen Prozess wieder in der Lage ist, seine Gefühle, wie Angst, Wut, Freude, Trauer oder Scham, vollständiger wahrzunehmen, löst sich augenblicklich jede Spannung, jeder Mangel, jedes rastlose Denken auf und gleichzeitig entsteht ein Gefühl von deutlich gesteigerter Verbundenheit.

Das ist zwar nur kurz zusammen gefasst, doch es beschreibt einen psychotherapeutischen Prozess sehr treffend. Man kann das in jeder etwas tiefer gehenden Therapie erleben. Das scheint doch ein bisschen wunderbar zu sein. Sollte also vor allem das subjektive Gefühl von der eigenen reduzierten Fähigkeit zu fühlen die Ursache für das real empfundene Empfinden von Mangel sein? Entsteht also subjektiv eine größere Sicherheit und Zuversicht in uns, wenn wir wieder lernen, unsere Gefühle wirklich zuzulassen?

Die Hypothese:

Das Mangelgefühl ist zuerst einmal die Folge der Reduzierung unserer Selbstwahrnehmung. So lange wir nicht in der Lage sind, uns selbst und unsere Gefühle vollkommen zu wahrzunehmen, werden wir Mangel erleben (oft verursacht durch Verletzungen und Trauma).

Wir sind damit beschäftigt keine Zeit zu haben!

Wenn wir jetzt, wie oben schon ausgeführt, sagen, dass das, was wir im Individuum erleben, auch kollektiv wirkt, dann hätten wir zumindest schon einmal einen Ansatz, den man weiter erforschen könnte. Wenn wir unser Kollektiv, also unsere Bevölkerung in Deutschland anschauen, können wir ohne weiteres erkennen, dass es viele Menschen gibt, die sich nicht die Zeit nehmen, sich selbst in umfänglichen Maße wahrzunehmen. Wir sind ständig beschäftigt, … damit beschäftigt, möglichst keine Zeit zu haben!

Das ist eine interessante Formulierung! Wir sind damit beschäftigt keine Zeit zu haben!

Damit drehen wir mal die Beschreibung um! Sonst denken wir ja allermeistens, dass wir zu beschäftigt sind und uns eigentlich mehr Zeit wünschen. Doch das scheint mir nicht ganz richtig zu sein. Das bereits erlebte Ergebnis, nämlich wenig oder keine Zeit zu haben, ist bereits das, vielleicht zuerst einmal unbewusste, angestrebte Ziel. Wie wollen gar keine Zeit für uns selbst haben.

Sicherlich wird es jetzt innerlichen Streit geben oder Sie streiten schon mit mir: Auf jeden Fall wollen wir mehr Zeit für uns haben. Dafür tun wir doch so viel. Wir arbeiten jetzt schon extra mehr, damit wir in der Zukunft mehr Zeit für uns haben. Wir arbeiten doch schon daran.

Und funktioniert das? Haben wir dann in der Zukunft mehr Zeit?

Ja, dann haben wir Urlaub oder die Rente und dann haben wir mehr Zeit. Okay, und wie nutzen wir diese Zeit?

Wir machen Dinge, gehen in Museen, erleben Abenteuer, lesen und haben endlich mal die Zeit einen Film zu schauen.

Haben wir damit dann die Zeit uns selbst zu fühlen? Erfahren wir dadurch, wie es uns innerlich geht? Oder verändern wir nur unseren Modus daran zu arbeiten, dass wir keine Zeit haben?

Was hat das alles jetzt mit dem einen Klienten zu tun?

Gefühle sind zu allererst einmal Energiefrequenzen. Gefühle sind die Sprache unserer sozialen Gemeinschaft. Ohne Gefühle kommen wir uns nicht nah. Wenn jemand sich mit seiner Wut zeigt, weiß ich, ich halte lieber ein bisschen Abstand.

Wenn ein Kind Angst bekommt, wendet es sich der Mutter zu, die im guten Falle das Kind zu sich auf den Schoß nimmt und so die Angst des Kindes in das eigene Energiefeld abfließen lässt. Ist die Angst-Energie des Kindes abgeflossen, gibt es keine Nachwirkungen für das Kind mehr und es kann wieder spielen gehen.

Scham ist wichtig für den sozialen Ausgleich. Wenn ich etwas gegen die Gruppennorm gemacht habe, schäme ich mich. Ein angemessenes Gefühl. Alle Gefühle sind subjektiv. Sie brauchen auch keine Objektivität. Es macht keinen Sinn Gefühle zu vergleichen. Sie gehören immer nur uns selbst und sind verbunden mit den eigenen Empfindungen. Gleichzeitig brauchen wir Umgebungen, wo diese Gefühle, wie bei dem eben erwähnte Kind, was zu Mutter läuft, abfließen können.

Trauma ist die Reaktion auf eine überwältigende Gefühlswelle. Nicht die Gefühle oder das Ereignis selbst ist das Trauma, sondern die innere Überwältigungsreaktion. Wir fühlen uns durch das Verlassen unserer Mutter lebensbedrohlich angstvoll. So könnten wir nicht auf Dauer leben, deshalb hat unser „Imunisierungssystem“ einen Reflex entwickelt, der dazu führt, dass wir diese Überwältigung nicht mehr fühlen müssen. Wie schneiden uns von dem Gefühl ab. Das erlaubt uns wieder am Alltag teilzuhaben.

Wenn wir allerdings irgendwann ein Trauma erlebt haben, werden wir meistens unbewusst immer danach streben, und das ist eine große Kraft, die durch das Trauma gebundene Energie wieder in den Fluss zu bringen. Das ist notwendig, damit wir wieder alle unsere Kompetenzen zur Verfügung haben. Wir sagten ja schon, dass sonst ein Großteil unserer Energien gebunden ist.

Das Problem ist, dass wir gleichzeitig beide Kräfte in uns tragen. Die eine Kraft wartet auf eine so sichere Situation, dass die eingefrorene Energie wieder ins Fließen kommt und die andere Kraft will auf keinen Fall, dass wir die Gefühle der Verletzung vor der Traumatisierung, also der Abspaltung, wieder fühlen. Das ist zuerst einmal ein Dilemma. Dafür braucht es individuell Traumatherapie. Doch wie übertragen wir die auf die kollektive Ebene? Auch dafür gibt es schon Ideen. Wie bereits bei den Familienaufstellungen seit ca. 30 Jahren erforscht, kann man Stellvertreter für Menschen und Gruppen einsetzen, die die Prozesse weiterführen, die irgendwann mal eingefroren sind. So könnte man mit einer entsprechend großen Gruppe von Menschen auch große Energien wieder ins Fließen bringen.

(Bitte ein bisschen Geduld, so bald ich wieder Zeit habe ;-), werde ich an diesem Text weiter schreiben.)

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Kommentar

  1. Rüdiger Otto sagt:

    Wenn vermutlich kollektives Trauma heute in vielen von uns noch gebunden ist – gibt es dann nicht auch umgekehrt die gleichsam begründete Hoffnung, das auch hohe Intelligenz und Soziale Kompetenz alter, untergegangener Völker noch in uns abrufbar schlummern? Ein schöner Gedanke

  2. Klaus sagt:

    Bin erst mal begeistert von der Erklärung.
    Wie ist das Verhalten der Frau zu verstehen. Warum erzählt sie ihre neue Verliebtheit so brühwarm ihrem Ehemann ohne die Konsequenz zu erahnen. Ihr müsste doch klar sein das,dass verletzend ist. Eine Trennung durch den Ehemann ist ihr dann wohl auch schon egal oder will sie nur ihren Spaß auf Kosten und mit Erlaubnis des Mannes. Das ein Mann durch so ein plötzlich auftretendes Eheproblem Bauchschmerzen und mehr bekommt ist doch verständlich. Ob das auf die Kindheit zurückzuführen ist……
    Wie sollte ein Mann in der oben beschriebenen Lage reagieren, um sich selbst zu schützen.
    LG Klaus

  3. Jette sagt:

    Wow ich bin begeistert von den vielen Erkenntnissen..mich hat das Thema sehr neugierig gemacht. Ich könnte den ganzen Tag weiterlesen..gibt es ein Buch zu diesem Thema?
    LG Jette

  4. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…