Artikel für Ginkgo März 2010

Liebe und Verliebtsein in Beziehungen neu betrachtet!

Menschen treffen und verlieben sich. Sie glauben, sie seien füreinander geschaffen, um ihr Leben miteinander zu teilen. So ist – kurz gefasst – die romantische Betrachtung der Situation.

Tatsächlich jedoch stehen sich in emotional stark aufgeladenen Beziehungen Menschen für die Klärung von ungelösten Konflikten aus ihren jeweiligen Herkunftsfamilien gegenseitig zur Verfügung, ohne es zu merken. Menschen treten unbewusst in Rollen eines anderen Systems ein. Das zeigen uns Familienaufstellungen immer wieder sehr deutlich. Und in jeder längeren Beziehung treten genau die „passenden“ oder „nützlichen“ Auseinandersetzungen auf – und warten auf einen neuen Umgang damit, auf eine Lösung der alten Verstrickungen.

Wenn wir es für möglich halten, dass unsere Partnerin (oder Partner), die jetzt gerade sauer auf uns ist, gar nicht uns persönlich meint, sondern unbewusst z. B. für eine Großmutter steht, die von ihrem Bruder misshandelt wurde, dann gibt es für uns ganz andere Möglichkeiten mit der Situation umzugehen, als uns verletzt oder schuldig zu fühlen.

Unsere übliche Reaktion, aus der Identifikation heraus, ist: „Was Du schon wieder willst? Ich habe das doch ganz anders gemeint! Du machst das doch selbst so!“ Und sie reagiert noch stärker mit Angriff oder Rückzug, „sorgt“ vielleicht dafür, dass wir uns schuldig fühlen.

Eine Alternative für eine Reaktion in einer verletzenden Situation könnte sein: „Du, ich halte es für möglich, dass ich jetzt nicht wirklich DICH meine. Kann es sein, dass Du mir in einer Rolle zur Verfügung stehst – oder ich Dir? Lass uns doch schauen, ob uns etwas dazu einfällt!“ Wenn unsere Partnerin sich darauf einlässt, sind wir aus der Verstrickung heraus. Dann können wir vielleicht auf einer tieferen Ebene schauen, woher die Verletzung wirklich kommt UND jeder schaut bei sich selbst, was er selbst dazu beigetragen haben könnte. Und auch die eigene Geschichte, ob bewusst oder unbewusst, spielt immer eine Rolle.

Wenn wir es schaffen, die Verantwortung für unseren Ärger zu uns selbst zurück zunehmen, haben wir sofort eine Öffnung beim anderen für tiefere Begegnung. Was im Rahmen von Familienaufstellungen den Repräsentanten sehr leicht fällt, nämlich gleich wieder aus der Rolle auszutreten, der man sich zur Verfügung gestellt hatte, können wir auch Zuhause üben. Hilfreich ist an dieser Stelle natürlich, wenn beide sich dieser Betrachtung und Herangehensweise schon vorher geöffnet haben und nicht erst, wenn schon Ärger gegen den anderen aufgetaucht ist. Aber auch dann funktioniert diese Haltung. Wir können sie jetzt ebenso für uns allein einnehmen, solange wir mit dem Partner in Kontakt bleiben. Günstigerweise mit einer inneren offenen Haltung, die nicht fordert oder verurteilt.

Der Autor und spirituelle Lehrer, Eckart Tolle („Jetzt, die Kraft der Gegenwart“, „Eine neue Erde“), sagt in seinem Gespräch mit Oprah Winfrey (kostenloser Download, www.Oprah.com) sinngemäß: „Wirkliche Liebe ist es nur, wenn wir das Göttliche im Partner lieben und nicht den Körper, einige Eigenschaften oder die Oberfläche! Wirkliche Liebe ist unabhängig. Die Liebe, die sich auf die nette Art des Partners oder auf das Aussehen bezieht, ist lediglich die Liebe des Egos! Was nicht falsch ist, was aber garantiert nicht dauerhaft sein wird!“

Sich Verlieben ist also nicht gleich Liebe. Doch welche Energie veranlasst uns, uns zu verlieben? Ich wage eine Behauptung: Die Energie des Verliebtseins zu fühlen ist Ausdruck der Seele, die danach strebt einen alten Schmerz zu heilen oder sichtbar zu machen und dadurch zu heilen. Jedes Verliebtsein führt über kurz oder lang zu Schmerz – und das ist von außen betrachtet gut so. Denn dadurch kommt das alte, manchmal Generationen zurück liegende Leiden wieder zum Vorschein und kann gelöst werden.

Natürlich gilt das genauso, wenn mich jemand zur Raserei bringt oder ich dazu beitrage, dass Schmerz bei jemand anderem ausgelöst wird. Jedes Mal, wenn es eine emotionale Auseinandersetzung gibt, besteht für die Seele die Möglichkeit, endlich einen alten Schmerz, eine Ausgrenzung oder eine Ungerechtigkeit auszugleichen. Dazu ist allerdings nötig, dass wir dieses auch für möglich halten und nicht glauben, wir selbst seien betroffen oder persönlich gemeint. Ebenso ist es natürlich nicht sinnvoll, wenn wir glauben, unser Gegenüber habe uns diesen Ärger oder Schmerz bereitet. Es geht immer nur um den Ausgleich von bisher nicht Ausgeglichenem. (Gleichzeitig bleibt uns natürlich rein rechtlich die Eigenverantwortung für unser Verhalten.) Das Fühlen der Emotionen, die damals nicht ausgedrückt werden konnten, und die Wiedereinbeziehung von ausgestoßenen Personen in die Familie, lässt Frieden entstehen.

Familienaufstellungen, auch wenn wir sie im Alltag nicht so nennen können, treten ebenso ohne eine entsprechend vorbereitete Umgebung in einem Seminar auf. Das heißt, wir können Konflikte auch im Alltag erlösend erleben, wenn wir uns dafür öffnen – und einen Schritt aus der Identifizierung mit der Anschuldigung oder der selbst gefühlten Schuld heraustreten. Können wir uns das vorstellen? – Dann können wir auch damit arbeiten!

 

Göttingen, Peter Hellwig, Aufstellungen, Ehe- und Paarberatung, Psychotherapie, Gestalttherapie, Ausbildung, spirituelle Entwicklung

Link zum Thema Eifersucht!

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