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Menschen wollen keine Lösungen für ihre Probleme geboten kriegen. Sie wollen sie selbst finden – und was sie vor allem möchten, ist gesehen zu werden.

Stimmen diese Behauptungen wirklich?

Schauen Sie sich (Ihre) Kinder an. Kleine Kinder streben mit aller Kraft und Energie danach, zu lernen, es selbst zu machen und zu schaffen. Sie wollen selbst ihr Brot schmieren. Sie wollen allein den Yoghurtdeckel öffnen, das Brot schneiden, Fahrrad fahren, auf den Stuhl klettern. Sie wollen Rätsel lösen. Sie wollen es immer selbst lernen und machen – und zwar so lange, wie sie nicht frustriert darüber werden, dass es die Erwachsenen besser oder schneller können.

Erwachsene haben oft nicht die Geduld, dem Kind die individuelle Zeit zu lassen, die es braucht, um etwas zu lernen oder zu verstehen. Wenn Erwachsene nicht geduldig sind, fangen Kinder an, mit sich selbst ungeduldig zu werden und sagen dann lieber, „Ich kann das nicht!“ oder „Das ist blöd“ oder „Das ist langweilig!“ – Eltern kennen das.

Doch wie konnte diese wunderbare Eigenschaft des Kindes, nämlich der unbegrenzte Glaube daran, alles lernen und erfahren zu können, so schnell ins Gegenteil verkehrt werden?

Wir, die Erwachsenen, haben das gemacht.

Kinder möchten einfach nur gesehen werden, mit dem was sie tun. Sie brauchen dafür kein Lob oder einen Verbesserungsvorschlag oder gar einen Tadel. Die Freude, die sie in dem Spiel haben, ist der Grund für das Spiel. Wozu soll also noch jemand sagen, dass das, was das Kind tut, gut ist? Wenn Anerkennung bedeutet, dass wir den Menschen (das Kind) einfach in seinem Sosein erkennen, dann ist nichts dagegen auszusetzen. Doch im gebräuchlichen Sinn schafft Anerkennung Abhängigkeit von dem, der sie gibt.

Tatsächlich möchte jeder Mensch einfach nur gesehen und damit akzeptiert werden. Auch im Erwachsenen ist dieses einfache Sein des Kindes noch vorhanden;

und doch möchte er auf gar keinen Fall mit dem wie er wirklich ist, gesehen werden.

Natürlich wollen auch Sie, als Erwachsene/r, gesehen werden, weil das die Voraussetzung dafür ist, dass Sie sich wirklich angenommen und geliebt fühlen und auch das wollen Sie in der Tiefe Ihres Herzens.

Gesehen werden bedeutet:

Ich bin mit meinen Stärken und Schwächen sichtbar; ich muss nicht beschönigen oder abwerten, was mich ausmacht; ich bin wie ich bin. Oder ich zeige mich damit, dass ich mich abwerte oder aufwerte.

Das ist leicht, wenn ich innerlich selbst davon überzeugt bin, liebenswert zu sein. Es ist leicht in den Bereichen, in denen Sie sich schon selbst annehmen/lieben.

Doch wenn Sie selbst einmal davon überzeugt sind, dass Sie nicht unter allen Umständen liebenswert sind, das heißt, dass Sie selbst sich nicht liebend annehmen, dann suchen Sie tatsächlich schnell nach Lösungen, die Ihnen das Gegenteil bestätigen.

Da das Gegenteil aber nicht in Ihnen ist, kann es auch nicht bestätigt werden. Sie können sich nur das Vorhandene bestätigen lassen, nämlich Ihren Glauben von sich selbst, dass sie nicht liebenswert sind. Es sei denn, sie fangen an für möglich zu halten, dass das nicht stimmt. Es sei denn Sie halten für möglich, absolut liebenswert zu sein.

So sind wir Therapeuten auf einem paradoxen Weg. Wir wollen den Klientinnen und Klienten vermitteln, dass wir sie so annehmen wie sie sind und Ihnen gleichzeitig die Möglichkeit in Aussicht stellen, sich zu verändern. Wenn in mir als Therapeut der Wunsch nach Veränderung meines Patienten in den Vordergrund rückt, wird er es merken und sich nicht mehr angenommen fühlen und wird sich vermutlich auch selbst nicht mit seinem Sosein annehmen.

Oft wissen Menschen nicht, wie verschiedene Therapien arbeiten. Sie suchen nur, schnell von ihrem Leiden erlöst zu werden. Und es gibt auch in dieser Richtung arbeitende Therapeuten und Therapeutinnen. Meines Erachtens kann eine vordergründig lösungsorientierte Therapie keine tiefgreifenden neuen Erfahrungen des „Sich-Selbst-Annehmens“ erreichen. Denn der Zweck der vordergründig lösungsorientierten Therapie ist nicht die unbedingte Annahme dessen was ist und damit was ich bin. Sondern, wieder einmal bin ich falsch.

Ich muss mich verändern. Jemand weiß, wie ich mich verändern muss, ich bekomme vielleicht Aufgaben im Sinne der Verhaltenstherapie. – Es geht in vielen Therapien darum, zu erkennen, dass ich falsch bin und berichtigt werden muss. Das heißt, so wie ich bin, bin ich nicht liebenswert. Das ist das, was ich schon als Kind von meinen Eltern erfahren habe („Eltern“ stehen hier für alle an meiner Entwicklung beteiligten Menschen). Das ist das, was ich schon so lange glaube.

Schauen Sie sich einmal einen gerade geborenen Säugling an. So hübsch oder runzelig er auch sein mag, ist der doch vollkommen, oder? Es ist alles an diesem Baby dran; alles Potential ist vorhanden. Es ist vollkommen. Kein Zweifel!

Jetzt wächst dieses Baby heran, wird Kleinkind, Kind, jugendlich, dann junger Erwachsener. Und jetzt schauen wir wieder und stellen fest: dieser Mensch ist nicht mehr vollkommen? Wie kann das sein? Er war vollkommen, ohne Mangel bei der Geburt; jetzt ist er „mehr“ geworden, zumindest gewachsen, hat gelernt, ist unabhängiger geworden und soll nicht mehr vollkommen sein? – Er glaubt es zumindest jetzt. (Fast) alle haben ihm gezeigt oder gesagt, dass er nicht vollkommen ist und versucht ihm zu vermitteln, wie er vollkommen werden kann. Er, noch sehr klein, glaubte, dass die Großen oder Größeren ihm schon sagen werden, wie er vollständig werden kann. So entsteht in ihm: Er muss „etwas werden wollen“. So wie er jetzt ist, genügt er nicht, er hat Mängel, muss vollständiger werden, etwas lernen, damit er anerkannt wird.

Vor vielen Jahren hatte ich als Übungsleiter im Sport mit einem Jungen zu tun, er war vielleicht 12 Jahre alt. Er war sehr aktiv und schmächtig. An einem Tag sagte ich leichthin zu ihm: „Iss was, damit Du was wirst!“ Diesen Satz hatte ich selbst immer wieder als Kind gehört.

Er sagte: „Ich bin schon was!“ Die Antwort auf meine Aussage hat mich zuerst sprachlos gemacht, berührt und erschüttert. Und mir wurde bewusst, was ich da gesagt hatte und bestätigte ihn in der Weise, dass ich sagte: „Ja, das stimmt, Du bist schon wer!“ Doch auch diese meine Aussage war bereits überflüssig. Er wusste schon.

Er lehrte mich etwas, was ich dann später wieder aus dem Sinn verloren habe. Doch dass ich mich an diese Situation von vor 18 Jahren erinnere, zeigt mir, dass dieser Junge mich beeindruckt hatte.

Dieses alles klingt vielleicht alles logisch in Ihren Ohren. Wo liegt dann ein Problem?

Es liegt in der Tatsache, dass Menschen nicht an sich glauben, sie wissen nicht mehr, dass sie bereits vollständig sind, mit ihrer individuellen Komplexität. Sie glauben mehr an die Aussagen, die sie immer wieder gehört haben und nutzen deshalb ihre Möglichkeiten und Kompetenzen nicht.

Immer wieder entsteht Selbstzweifel und Hadern, mich sich selbst, mit Beziehungspartnern, Freunden, Kollegen, mit der Welt.

Therapie ohne schnelle Lösung, wie geht das?

Wie wir bereits gesehen haben, glauben wir, dass wir Probleme haben. Wir glauben nicht vollwertig zu sein, im Mangel zu sein und spüren dieses natürlich auch genau so. Wir haben Angst oder Unsicherheit vor der Zukunft. Wir wollen Sicherheiten, Strukturen. Wir wollen jemand, der uns sagt, wie und wo es weiter geht. Deshalb haben starke Menschen, vielleicht Politiker, Religionsführer, die klare Aussagen machen über das was richtig ist oder falsch, egal welcher Couleur, Hochkonjunktur.

Tatsächlich gibt es nicht den einen richtigen Weg. Jeder Mensch ist aufgerufen, den eigenen Weg zu erfahren. Wir gehen so mit allen Situationen um, ob sie uns gefallen oder nicht. Wir können das tun, was jetzt zu tun ist. Und tun wir es aus unserer innersten Stimmigkeit heraus? Es ist alles in uns vorhanden, nehmen wir uns damit wahr und ernst? Könnte es sein, dass nur darüber wirklich tiefer Friede zu erleben ist?

Um diese Erkenntnis (und Erkenntnis heißt: Ich kenne es schon; ich kann es also wiedererkennen!) zu spüren, zu erleben, braucht es Vertrauen.

Wie können wir das Vertrauen darin gewinnen?

Wahrscheinlich nur dadurch, dass wir bei anderen und dann auch bei uns selbst erleben, dass das, was ich hier sage, wirklich so ist. Wir brauchen also Menschen, die uns dieses vorleben.

Doch zuerst müssen wir diese Aussagen für möglich halten. Wir müssen schon ein wenig neugierig werden. Auch Skepsis ist durchaus angebracht und Auseinandersetzung. Es gibt vielleicht Menschen, die diese Aussagen sofort für sich als Wahrheit erkennen, doch in den meisten Fällen wird es so nicht sein.

Es geht mir darum, dass Sie genau spüren und schauen, dass Sie diese Aussagen überprüfen und dann feststellen, ob sie auch Ihre eignen sein können.

Mein Vertrauen liegt in dem Wissen, dass in jedem Menschen genau das Potential liegt, was er für diese jetzige Situation braucht. Es kann nicht anders sein. Sobald er anfängt, sich wirklich ernst zu nehmen, die inneren Signale zu beachten und sie nicht in den Wind zu schlagen, wird sich das Leben um ihn herum verändern. Vielleicht tut es am Anfang mehr weh, weil man denkt, es müsse anders kommen. Doch wenn man erst einmal erkennt, dass man selbst – vom Verstand her – nicht wirklich weiß, was für einen gut ist, sondern das die echte Weisheit viel tiefer in einem liegt, dann kommt Freude, Liebe, Dankbarkeit und Frieden auf.

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Kommentar

  1. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…