Polyamorie, Mehrfachbeziehungen und ihr Schatten

„Wir leben freie Liebe“, sagte eine Bekannte zu einem Freund.

„Was“, sagte der, „ist denn Liebe nicht immer frei? Kann es denn ohne Freiheit überhaupt Liebe sein?“

Was Menschen vermutlich meinen, wenn sie von freier Liebe sprechen, ist wohl eher freie Sexualität. Freie Liebe ohne Sexualität sehen nur wenige Menschen als ein Problem an. Wenn meine Partnerin auch ihre Freundin liebt und deren Kind, ist es für mich kein Problem. Will sie mit der Freundin auch Sex haben, wird es schon anders. Wenn sie einen Freund liebt, rein platonisch versteht sich, auch fast kein Problem.

Wenn sich im Kontakt mit ihm allerdings ein erotisches Feld öffnet, sieht die Sache wirklich anders aus. „Wieso will sie denn Sex mit jemand anderen? Ja, kann sie ihn denn nicht ohne Sex lieben?“ – Es scheint so, dass es bei der vermeintlichen „freien Liebe“ eher um freie Sexualität geht. Ob mit oder ohne Liebe, ist dabei für viele zuerst einmal nicht so wichtig.

Wenn Menschen sich der Liebe vorbehaltlos öffnen, spüren sie darin oft eine tiefere Freiheit. Die Liebe bezieht sich nicht nur auf einen Menschen sondern auch auf andere. Wenn sich das Herz wirklich für die Liebe entscheidet, sehen wir überall schöne Menschen, strahlende, anziehende Augen und die Seelen dahinter. Ansonsten ist es keine Liebe. – Und dabei müssen (und können) wir nicht mit jedem Menschen Sex haben.

Ich sage zu meiner Geliebten: „Du bist es! Mit Dir will ich mein Leben verbringen!“ – Und was ich nicht ausspreche ist: „Aber nur, wenn Du es genau so siehst! Nur, wenn Du mir treu bist, wie mein Eigentum!“

Sie soll mir also treu sein. – Darf sie auch sich selbst treu sein? Darf sie ihrem Herzen folgen, wenn es sie zu einem anderen beseelten Herz führt? – Geht es nicht auch darum, sich selbst treu zu sein? Ist der Liebe nicht viel mehr gedient, wenn sie nicht eingeengt wird durch meine oder die Bedingungen meiner Partnerin?

Ja, diese Art von neuer oder echter Liebe fühlt sich unsicherer an, vielleicht vorerst weniger komfortabel. Sie wird sich nicht in einen Kasten stecken lassen auf dem das Wort Partnerschaft, Monogamie, Beziehung oder Ehe steht. Sie lebt ihre eigene Lebendigkeit, die wenig vorhersagbar ist. Die Lebendigkeit der Liebe lässt sie schweben, lässt sie entscheiden, aber immer nur für diesen Augenblick, immer nur für sich selbst. – Bin ich in Liebe, bin ich liebevoll zu allererst einmal mit mir selbst und dann gleichzeitig mit den Menschen, die mir nah und wichtig sind.

Ich werde achtsam sein mit meinen Handlungen, meinen Impulsen, werde spüren, ob ich Schmerz bereiten könnte und werde damit angemessen umgehen. Wenn ich in Liebe mit mir bin, bin ich auch in Liebe mit jedem, der mir begegnet. Anders ist es nicht möglich.

Anders ist es keine wahre Selbstliebe. Denn aus der Selbstliebe heraus fließt die Liebe in jedes andere Gefäß. Sie wird flüssig, weitet sich, wird transparent und lebendig. Freude spricht aus ihr, ob in Leidenschaft, Nähe, Trauer, Leid, tiefer Berührung oder Angst. Die Liebe wird sich der Gefühle des anderen nicht verschließen. Sie wird frei sein sich selbst zu spüren und den Raum offen zu halten, ohne zu bewerten oder zu verurteilen. Die Liebe hat die Kraft alles zu beinhalten. Sie ist die kraftvollste Energie, die wir spüren können. Sie ist evolutionär, denn sie weitet uns, lässt uns uns selbst entwickeln und freier werden.

Der vertikale Entwicklungsimpuls ist immer ein Ausdruck von Liebe in Aktion. Vertikal bedeutet das gleichzeitige Wachstum unseres Bewusstseins. So kann die Liebe sich selbst vertiefend ausbreiten und uns dabei mitnehmen. Während die horizontale Erweiterung eher auf ein Mehr abzielt, ohne dabei eine andauernde, tiefere Befriedigung herbeizuführen und damit keine echte evolutionäre Entwicklung darstellt, bietet der vertikale Entwicklungsschritt ein wirkliches Mehr an innerer Ruhe, Klarheit und Freiheit. Mehr Partner, mehr Sex, mehr haben Wollen, ermöglicht uns aus sich heraus keine tiefere oder höhere Entwicklung unserer Persönlichkeit oder unseres Bewusstseins. Allerhöchstens vielleicht dann, wenn wir erkennen, dass ein ständiges „mehr haben Wollen“ eher etwas mit Sucht zu tun hat und letztendlich keine erhöhte Befriedigung in unser Leben bringt, sondern immer nur noch mehr sucht/Sucht.

Natürlich stoßen wir in dieser Entwicklung auf Persönlichkeitsanteile in uns, die bisher nicht so weit gewachsen sind. Vielleicht haben wir als frühe Kinder schwere Situationen erlebt, in denen wir uns verlassen fühlten, uns dann verschlossen haben vor weiterem Schmerz, vielleicht traumatisiert wurden.

Jetzt, in der Entwicklung der Freiheit in uns kommen wir nicht umhin, uns um diese frühen, oft erstarrten Persönlichkeitsanteile zu kümmern. Sobald wir in eine tiefe Liebesbeziehung eintreten, ob in eine Zweier- oder auch in eine Mehrfachbeziehung, werden die alten Schmerzen des auf irgendeine Weise verlassenen Kindes in uns nach und nach reaktiviert. Denn die neue Liebe erinnert zwangsläufig an die frühe Liebe zur Mutter (und manchmal auch zum Vater). Unbewusst wird dann – über kurz oder auch etwas länger – der Schmerz in der neuen Liebe sichtbar, spürbar. Man weiß und spürt allerdings nur höchst selten, dass dieser Schmerz aus der Kindheit stammt. Wir projizieren ihn auf unseren neuen oder auch auf den alten Partner. Wir denken, er sei schuld an unserem Schmerz, tatsächlich stimmt das fast nie. Doch das wissen wir einfach oft nicht. Das Wissen darüber kommt oft erst durch eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst wieder in Bewusstsein zurück.

Alles in uns will wachsen. Die Evolution will sich in uns fortführen, jeder Persönlichkeitsanteil (inneres Kind, innerer Jugendlicher, innerer Erwachsener, etc.) in uns strebt nach weiterer Entwicklung. Vor allem deshalb stoßen wir auf Situationen, die uns herausfordern und uns wirklich zu bedrohen scheinen. Unbewusst laden wir diese Situationen ein. Dabei fühlt sich die daraus entstehende Bedrohung total echt an. Wir spüren große Angst oder gar nichts mehr, so wie es in unserer Kindheit auch irgendwann war, als der Schmerz zu groß wurde um ihn noch weiterhin auszuhalten.

Wenn das Verlassensein oder die Bedrohung davor, unmittelbar (jetzt erneut in der Partnerschaft) auftritt, fühlen wir allermeist zuerst große Angst. Es fühlt sich an wie damals, als uns unsere Mutter verlassen musste, weil sie oder wir selbst ins Krankenhaus mussten. – So wie es damals war, als unsere Mutter selbst noch heftig in ihrem Schmerz verhaftet war, weil ein früheres Kind gestorben war und die Trauer darüber nie wirklich ausgedrückt werden konnte. Danach konnte sie sich nie wirklich auf uns einlassen. – Wir könnten sie auch wieder verlassen, sterben. Den Schmerz könnte sie nicht noch einmal überstehen. Sie konnte uns damals nicht nah sein und wir erlebten heftigste Bedrohung oder sie konnte uns nicht frei unserem Drang nach mehr Freiheit nachgehen lassen. – Daran erinnert sich dann etwas in uns, fühlt den alten Schmerz, ohne dass wir die alten Erfahrungen sofort wieder bewusst zur Verfügung haben. Diese Dinge sind so gut verpackt, dass die meisten Menschen sie erst nach längerer Bewusstmachungsarbeit in der Tiefe ihrer Psyche wieder erkennen.

Als wir mit unserem Schmerz als Säugling oder auch später nicht umgehen konnten, z. B. weil es einfach zu viel war oder wir damit allein waren, sperrten wir diesen Schmerz ein, spalteten ihn ab, erstarrten wir in einem Anteil unserer Persönlichkeit, je früher desto stärker. Dieser Anteil fristet dann ein Schattendasein, stets bemüht wieder in das Bewusstsein des betroffenen Menschen zu kommen, damit die Erstarrung durch einen neuen, erwachseneren, angemesseneren Umgang damit aufgelöst werden und erneut auch hier Wachstum erfolgen kann. Eine Nachreifung dieses Persönlichkeitsanteils wird dringend benötigt, damit wir als Gesamtpersönlichkeit die nächsten Schritte in den Ausdruck unseres Potenzials gehen können.

Um immer tiefere und verbindlichere Beziehungen führen zu können, kommen wir nicht um diese Prozesse herum. Allerdings wird es fast immer einen Teil in unserer Psyche geben der das nicht will. Das heißt, wir haben auch noch einen inneren Widersacher gegen unsere eigene Entwicklung. Dieser Persönlichkeitsanteil will nichts Böses für uns. Er ist allerdings nicht in der Lage zu sehen, dass der Wiedereintritt in die tiefe Gefühlswelt tatsächlich eine enorme Bewusstseinsentwicklung ermöglicht.

Denn dieser Anteil ist entstanden in einem für einen Säugling oder ein Kleinkind unaushaltbaren emotionalen Zustand von Schmerz, meist Verlassenheitsschmerz. Um diesen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen und damit Resourcen frei zu haben für das Überleben, hat eine Instanz in uns den Schmerz abgespalten, ins Unbewusste gedrückt. Diese ist in der Weise damit umgegangen, dass wir in der Folge zwar nicht mehr alles fühlen, aber dafür erst einmal überleben können. Deshalb nennen wir diesen Persönlichkeitsanteil auch den Überlebensanteil der Gesamtpersönlichkeit. Je nach Tiefe der Verletzung in der Kindheit oder Jugend ist dieser Anteil stärker oder weniger stark ausgebildet. Der Überlebensanteil (ÜA) ist jedoch nie bereit, sich wieder auf den Schmerz der Kindheit einzulassen. Denn der ÜA kann nur durch die Augen des Kleinkindes schauen und nicht erkennen, dass wir heute erwachsen sind und dass uns jetzt selbst ein großer psychischer Schmerz nicht umbringen kann. Es wird wohl weh tun, aber wir werden es überleben! So könnte es der gesunde erwachsene Anteil in uns sehen.

Tatsächlich sind wir an der Stelle meist so tief in der kompletten Identifikation des Überlebensanteils gefangen, dass wir keine Übersicht darüber haben, dass wir jetzt als Kind fühlen. Denn der Überlebensanteil und der heutige gesunde reife Anteil, der das oft schon sehen kann, haben keine direkte Verbindung miteinander. Sie kennen sich nicht aus direktem Erleben. Sie können nicht direkt miteinander kommunizieren. Wir können uns nur entweder als echter erwachsener Anteil fühlen, wahrnehmen und denken oder als Überlebensanteil. Und darüber gibt es nur selten eine Bewusstheit.

Erst wenn wir wieder sicher fühlen, sind wir in der Lage uns zu fragen, was denn gestern in der schwierigen Situation los war. Wie konnten wir so kindlich reagieren? Seltsam!?

Nun fragen Sie sich vielleicht, wieso wir zuerst auf die Mehrfachbeziehungen schauen, für möglich halten, dass es darin einen Gewinn für alle Beteiligten geben kann und dann den Schmerz eines traumatisierten Kindes beschreiben?

In einer Zweierbeziehung gelingt es uns, oft zumindest über einen gewissen Zeitraum, diese in irgendeiner Weise kontrollierend zu beeinflussen. Das heißt, wir versuchen die Beziehung so zu steuern, dass wir durch sie nicht bedroht werden, sei es durch zu wenig oder zu viel Nähe. Beides, große Nähe, wie auch Eigenständigkeit des Partners, verbunden mit Distanz, ist für viele von uns bedrohlich. In einer Zweierbeziehung scheinen diese Gegebenheiten dagegen für viele von uns aushaltbarer, weil sie oder er uns weiterhin scheinbar sicher ist. Und in der Zukunft wird es sich schon wieder besser werden.

In einer Mehrfachbeziehung ist der Versuch die Beziehungen zu kontrollieren sehr viel schwieriger, vielleicht sogar unmöglich. Was ist, wenn unsere beiden Partnerinnen zur selben Zeit mit uns zusammen sein wollen und wir keine von beiden enttäuschen wollen, können oder dürfen? Das wirft uns deutlich mehr auf uns selbst zurück, als es in einer Zweierpartnerschaft wahrscheinlich ist. Wir sind an dieser Stelle viel mehr gefordert, genau zu schauen, was wir denn jetzt selbst wollen. Was ist stimmig für mich? Kann ich das spüren? Oder habe ich nur eine Vorstellung im Kopf davon? In einer Zweierbeziehung lässt sich der andere oder ich selbst leichter auf einen Kompromiss ein, der nicht der inneren Stimmigkeit entspricht. Das ist dann halt der Preis für den Erhalt der Partnerschaft. In einer Mehrfachbeziehung lässt sich das kaum einrichten, ohne sich dabei selbst aufzugeben. In diesem Fall sind wir gefordert, dem anderen eine Enttäuschung zuzumuten. Können wir dann mit der Angst und Unsicherheit umgehen?

So sind wir in einer offenen Beziehung deutlich mehr gefordert, aus unserem eigenen Inneren heraus wahrhaftig zu SEIN. Alles andere wird uns auf Dauer zermürben. In diesem Sinne bietet eine Mehrfachbeziehung oft ein größeres Potenzial für das eigene Wachstum.

Liebe ist grundsätzlich frei. Angst macht grundsätzlich unfrei. Liebe und Angst stehen sich gegenüber. Je mehr Liebe und damit Licht in unsere Welt eindringt, desto mehr Schatten und damit alte Ängste, tauchen auf. Je mehr wir bereit sind, uns wirklich ernsthaft um unsere Ängste zu kümmern, sie anzunehmen, den Schmerz dahinter zu beleuchten, desto mehr werden wir die wirklich freie Liebe erleben können.

Ob wir dann weiter oder neu in einer monogamen Beziehung oder weiterhin oder neu in einer offenen Beziehung leben, steht nicht im Vordergrund. Denn dann leben wir aus einer inneren Freiheit heraus das Eine oder das Andere. Moral ist an der Stelle nicht hilfreich. Ihr gegenüber steht das Erlangen einer immer größer werdenden Verantwortung für das eigene Leben. Je freier wir in der Lage sind, jenseits der Konventionen zu fühlen, zu denken und zu handeln, desto größer wird die Verantwortung für uns selbst und für unsere Umgebung. Je befreiter wir uns von den Vorstellungen der Kultur und Gesellschaft und deren angehängten Moral erfahren, desto tiefer durchdringen wir unser eigenes Wirken in dieser Welt, desto mehr haben wir zu geben, desto mehr Liebe, Verantwortung, Mitgefühl und Nachhaltigkeit bringen wir in die Welt.

Peter Hellwig, Okt. 2013

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Kommentare

  1. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…