Immer häufiger besuchen mich in meiner Praxis Menschen, die sich freiwillig oder auch nicht ganz freiwillig auf eine Dreiecksbeziehung einlassen. Dabei hat ein Mann sich neben seiner vorhandenen Partnerin in eine weitere Frau verliebt und will auch diese Liebe leben. Oder eine Frau liebt neben ihrem Mann und der Familie einen anderen Mann und verweigert sich dieser Energie nicht. Moral, Vorstellungen, Konventionen, Religion, Freunde und vieles mehr spricht häufig gegen eine solche Verbindung. Und dennoch lässt der Mann oder die Frau nicht von dem neuen Außenpartner los.

Nicht immer muss die bisherige Beziehung negativ verlaufen sein, damit sich der Partner auf neue Pfade begibt. Es reicht oft schon, in der Liebe zu einem anderen Menschen zu spüren, dass das Herz neu berührt und bereichert ist, um sich einer neuen Leidenschaft zu öffnen.

In (fast) jedem Fall beginnen damit für die bisherige, aber auch für die neue Verbindung, eine Reihe von Herausforderungen.

Lässt Liebe sich reglementieren? Kann man seine Liebe einfach beiseite legen wenn sie einmal entfacht ist? Sollte man sich auf die bisherige Beziehung konzentrieren und die neue Liebschaft auf jeden Fall unterbinden? Viele Fragen entstehen.

Ganz sicher kann man sagen, dass dadurch die alte Beziehung nicht zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist. Vielmehr besteht für alle Beteiligten die Möglichkeit, die bisherige oder die neue Beziehung, wie auch die eigene Bewusstheit in enormer Weise weiter zu entwickeln.

Wunderbar und wünschenswert ist es in dem Zusammenhang die Erfahrung zu machen, dass die neue Außenbeziehung für alle ein Gewinn sein kann. Diesen Gewinn zu erleben erfordert allerdings von jedem Beteiligten die Bereitschaft, sich selbst ernsthaft liebevoll in Frage zu stellen. Meistens geht das nicht allein und benötigt eine erfahrene Begleitung. Transparenz und Wahrhaftigkeit, die Bereitschaft in angemessener Weise Rücksicht auf die Bedürfnisse und Langsamkeit den von der Situation überraschten Personen zu nehmen, erleichtern diesen Prozess sehr und sind vermutlich zwingend notwenig. Vorausgesetzt, die bisherige Beziehung soll erhalten werden.

Immer mehr Menschen begeben sich auf einen Weg der eigenen Definition von Beziehung und deren Formen. Das althergebrachte Bild von der einen Beziehung fürs Leben gilt ohnehin für den größten Teil unserer Bevölkerung nicht mehr.

Mehr als 50 % aller Deutschen leben in Singlehaushalten und auch die übrigen 50 % sind nicht alle verheiratet, sondern haben oft schon die 2. oder 3. Lebensbeziehung. Das Modell der seriellen Monogamie hat praktisch bereits seit einigen Jahrzehnten Einzug gehalten. Das heißt, es kommt in Serie eine Zweierbeziehung nach der nächsten.

Der Anteil der Bevölkerung, der sich an Mehrfachbeziehungen heran wagt, ist relativ gering, doch weitaus größer als man vermutet, weil damit wenig Reklame gemacht wird. Solche Konstellation werden in unserer Kultur weitgehend nur hinter vorgehaltener Hand mit Neugier betrachtet, offiziell eher mit Ablehnung.

In der Beratungspraxis und auch in Seminaren werbe ich sehr für Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit innerhalb der bestehenden Beziehungen und entstehenden Mehrfachbeziehungen. In Beratungssitzungen  und Seminaren (mit meiner Kollegin zusammen) biete ich Austausch mit anderen derart betroffenen oder begünstigten Menschen.

Wenn man Beziehung nicht nur als „Gesellschaft zur gegenseitigen Bedürfnisbefriedigung“ versteht, wie Robert Betz sie oft bei den Menschen sieht, sondern als Umfeld für intensives Persönlichkeits- und Bewusstseinswachstum und gleichzeitig JA sagt zu den Auseinandersetzungen und dem (meistens alten, aus der Kindheit stammenden) Schmerz, den sie hervorrufen, wird man den größten Gewinn in Form von tieferer Liebe, Leidenschaft, Freude und Freiheit erfahren können.

Begleitung, Beratung oder auch Therapie sind in fast jedem Fall angeraten und meistens sehr, sehr hilfreich. Hier braucht es jedoch über kurz oder lang eine Entscheidung darüber, ob alle Beteiligten mit dieser Konstellation leben wollen oder sie zumindest tolerieren. Viele Paartherapeuten lehnen solche Modelle von vorn herein ab. Ich mache jedoch die Erfahrung, dass mehr oder minder alle Menschen in Beziehungen  zu einer Zeit im Leben in eine Krise kommen. Und Krise, egal wodurch sie ausgelöst wird, bedeutet immer eine weitere Chance zum persönlichen Wachstum. Tatsächlich können wir davon ausgehen, dass die meisten von uns nur durch Schmerz bereit sind, in unserem Bewusstsein zu wachsen. Und das obwohl alles in uns auf Wachstum ausgelegt ist. Unsere Persönlichkeit will wachsen, unser Bewusstsein ist seit der Zeugung in einem fortdauernden Prozess von Wachstum und Entwicklung. Oft wehren wir uns allerdings dagegen, weil Wachstum auch Unsicherheit bedeutet. Nur wenn wir unseren wohlgehüteten Wohlfühlkomfort ein bisschen aufzugeben bereit sind, wird weiteres Wachstum möglich, sonst nicht. Wir pendeln dabei immer wieder zwischen den Polen von Bindung und Sicherheit auf der einen Seite und Freiheit und Wachstum auf der anderen. Wenn wir uns zu sehr auf die eine Seite begeben verlieren wir die andere. Beide sind wichtig.

Woran können wir Wachstum erkennen?

An dem Grad unserer inneren Freiheit und Freude, an dem Grad der Bereitschaft immer bedingungsloser in Beziehung zu sein. Aber auch daran, wie bereit wir sind uns unseren Gefühlen von Trauer, Hilflosigkeit, Angst, Wut und Freude, sowie Hingabe, liebevoll zuzuwenden und sie ganz und gar zu uns zu nehmen. Je bereiter wir sind, nicht mehr dem anderen die Schuld an unseren scheinbar unguten Gefühlen zu übertragen, sondern die Verantwortung dafür zu uns selbst zu nehmen, damit zu sein und sie angemessen auszudrücken, desto weiter und emphatischer werden wir. Die Folge davon ist, dass wir uns tiefer in Beziehungen und Liebe hingeben können. Denn wir haben weniger zu verlieren, wir sind nicht mehr wie ein Kind abhängig und bedroht von den eigenen Emotionen, sowie denen des Partners oder der Partnerin. Wir werden im eigentlichen Sinne deutlich erwachsener und damit beziehungsfähiger.

Ich freue mich darauf, mit Ihnen diese Themen, individuell auf Ihre Bedürfnisse hin, zu erforschen. Natürlich ist jeder von uns mit seinen verschiedenen Themen bereits unterschiedlich weit entwickelt. Die bereits fortgeschrittenen Anteile in uns können so weiter gestärkt werden und die bisher vernachlässigten nachziehen.

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Kommentar

  1. Sebastian sagt:

    Sehr schön zusammengefasst. Ich bin noch auf dem Weg dorthin…